von Katharina Riebesel am 16. März 2018
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Beim Anflug auf Kapstadt erspäht man durchs Fenster nicht nur den Tafelberg und die Waterfront, sondern auch ein regelrechtes Meer aus Wellblechhütten, das im Sonnenlicht glänzt. In diesen informellen Wohneinheiten, Townships genannt, lebt nach wie vor ein großer Teil der südafrikanischen Bevölkerung. Damit sind sie fester Bestandteil des südafrikanischen Alltags. Auf einer Townshiptour haben Urlauber die Möglichkeit, das Leben in Südafrika abseits von Luxushotel, Traumstrand und Fine Dining kennenzulernen. Doch sind die Touren moralisch vertretbar? Wir werfen Licht auf dieses kontroverse Thema.

Straßenkunst in Langa: Portrait einer Frau - Townshiptour in Südafrika

Street Art in Langa, Foto: Katharina Riebesel

Sie interessieren sich für eine Townshiptour in Südafrika? Dann gilt es zunächst, einen Anbieter zu finden, der die Menschen nicht bloß zur Schau stellt, sondern diese miteinbindet. Sich in einem Reisebus die Nase an der Fensterscheibe plattzudrücken, während man durch die schmalen Straßen der Wohnviertel gefahren wird, sollte nicht Sinn und Zweck einer Townshiptour sein. Organisationen wie Siviwe Tours aus Langa wurden von Bewohnern der Townships gegründet und fördern mit den Einnahmen die sozioökonomische Entwicklung der Gemeinde. Sprich: Das Geld, das Sie in eine Townshiptour investieren, kommt auch tatsächlich den lokalen Guides und kulturellen sowie sozialen Projekten für die Menschen vor Ort zugute.

 

Die ganze Welt zu Besuch

Don zeigt Gästen wie erfinderisch die Bewohner in Langa beim Bau ihrer Häuser sind

Don zeigt die unterschiedlichen Wohnsituationen in Langa, Foto: Katharina Riebesel

Don (sein Xhosa-Name: Thobekile) von Siviwe Tours bringt die Vorteile einer Townshiptour in Südafrika auf den Punkt: „Solch eine Tour ist ein einschneidendes Erlebnis.“ Als Guide zeigt er Kapstadt-Urlaubern die Kuriositäten des Lebens in Südafrika – von unterschiedlichen Wohnverhältnissen bis zu selbstgebrautem Bier. Viele Besucher überrascht es, dass neben – nicht selten höchst kreativ – zusammengebauten Hütten auch Nachbarschafen mit sorgfältig gepflegten Vorgärten existieren, die man ebenso gut in gehobenen Vororten der Mother City findet.

Ein schickes Wohnviertel in Langa in der Metropolregion Kapstadt

Eine Straße wie in jedem anderen Vorort: Langa, Foto: Katharina Riebesel

Nicht nur für Besucher sind Townshiptouren ein Aha-Erlebnis. Gleichzeitig profitieren die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen aus den Townships, denn sie empfangen Menschen aus der ganzen Welt, die andere spannende Kulturen mitbringen. „Ich behandele meine Gäste als Botschafter“, erklärt Don. „Indem sie herkommen, haben sie einen enormen Einfluss auf die Menschen, weil sie unserem Township einen Platz auf der Weltkarte verschaffen.“

In Langa sprechen nur rund 2,5 Prozent der Einwohner Englisch. Don konnte sich als Kind lediglich auf Xhosa verständigen. Heute präsentiert er nicht nur Interessierten aus sämtlichen Ländern seine Nachbarschaft im fließenden Englisch, sondern lernt von seinen Gästen Deutsch, Französisch, Portugiesisch und Spanisch. Im Gegenzug lernen seine Besucher einige Wörter in seiner Muttersprache.

Ein Mann läuft an einem roten Shop vorbei - Townshiptour in Kapstadt

Ein typischer Shop in Langa, Foto: Katharina Riebesel

„Das größte Problem in der Welt ist Armut in Verbindung mit fehlender Bildung. Wir müssen dafür sorgen, dass Bildung alle erreicht.“ – Nelson Mandela

 

Ein kurzer Blick auf die Statistik: Südafrika ist weltweit eines der Länder mit der ungerechtesten Vermögensverteilung. Von den 55,6 Millionen Einwohnern leben 20,8 Prozent in informellen Häusern. 16,5 Prozent der Südafrikaner haben keinen Zugang zu fließend Wasser – ganz unabhängig von Dürreperioden und einem möglichen Day Zero. In der Metropolregion Kapstadt verfügen 51 bis 63 Prozent der Haushalte in Khayelitsha, Mitchells Plain und den restlichen Cape Flats über kein oder lediglich ein geringes Einkommen von bis zu 50613 Rand (rund 3450 Euro) pro Jahr.

Eine Frau putzt eine große blaue Tonne

Mangxabane braut Tag für Tag Bier für die Menschen in Langa, Foto: Katharina Riebesel

Für die Menschen in Langa ist Armut jedoch nicht gleich Armut. „Bei uns im Township wird man als arm angesehen, wenn man nichts tut“, berichtet Don. Trotz materieller Armut existiert in Townships ein unheimlicher Erfindungsreichtum. Die einen eröffnen einen Donutladen, die anderen stellen Kunstwerke her, die sie verkaufen. Zudem wird bereits nach wenigen Minuten auf einer Townshiptour klar: Hier können sich die Menschen aufeinander verlassen. Die auf „Ubuntu“ basierende Lebensphilosophie, die Menschlichkeit und Nächstenliebe sind zum Greifen nahe. Völlig selbstverständlich geben Einwohner mit gut bezahlten Jobs der Gemeinde etwas zurück. Nachbarn wechseln sich gegenseitig mit dem Einhüten des Nachwuchses ab.

Vier Kinder posieren lachend vor der Kamera

Kinder nach Schulschluss, Foto: Katharina Riebesel

Eine Townshiptour in Südafrika von und mit Menschen aus den Wohnvierteln ist ein kultureller Austausch, ein gegenseitiges Kennenlernen. Interessierte lernen das Leben in südafrikanischen Townships kennen und erfahren, dass dieses nicht bloß aus Armut, Drogen und Kriminalität besteht. Ein Besuch in einem Township beeindruckt und inspiriert. In dem Meer aus Wellblechhütten glänzt sehr viel mehr als das reflektierte Sonnenlicht. Lassen Sie sich vom Lebensgefühl der Südafrikaner faszinieren!

 

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